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  • Oliver Dierssen

Twitter Classics: Überlastungszeichen bei Kindern

"Die Hausaufgaben dauern manchmal stundenlang. Oft macht mein Kind nur noch weiter, wenn ich ununterbrochen daneben sitze und es dauernd ermahne." Ein Beitrag über Überlastungszeichen von Kindern, über leere und voller Batterien.


Um Überlastungszeichen bei Kindern zu erkennen, ist es notwendig anzuerkennen, dass auch Kinder massiv überlastet sein können. "Du kannst keine echten Sorgen haben, du bist zehn!" habe ich oft gehört, es war immer falsch. Kinder können selbstverständlich ebenso belastet sein wie Erwachsene. Chronische Überlastung und Überforderung von Kindern kann - ebenso wie bei Erwachsenen - gefährliche Folgen haben. Hierzu gehören z.B. Depressionen, Angsterkrankungen, Schlafstörungen, Leistungsabfall in der Schule, sozialer Rückzug sowie Veränderungen in der Persönlichkeit und im Selbstbild von Kindern.


Hausaufgaben sind in vielen Familien ein problembehaftetes Thema. Es geht hier nicht nur um Leistung: Beim "Kampf um die Hausaufgaben" können schnell Machtkämpfe entstehen, schnell steht der Stolz von Eltern und Kindern auf dem Spiel: "Wenn du keine Hausaufgaben machst, fällt die Verabredung / deine Medienzeit / das Fußballtraining aus." Bei solchen harten Machtkämpfen gehen meist beide Parteien als Verlierer vom Platz. Um Eskalationen um die Hausaufgaben zu vermeiden, ist es wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Anstrengungen das Kind heute schon bewältigt hat - und dem Kind ein Gefühl für eben diese Belastung zu vermitteln! So können Kinder viel leichter wahrnehmen, ob sie gerade stark überlastet sind.


"Kann es sein, dass du dich heute schon mächtig angestrengt hast in der Schule?" ist ein guter, wirksamer Satz, um bei Hausaufgaben-Überlastung wieder zu einer gemeinsamen Basis und zur Zusammenarbeit zu finden. Fragen Sie Ihr Kind, was besonders anstrengend war. Hören Sie zu. Zeigen Sie liebevollen Respekt. Kinder sollen ein Gefühl und eine Sprache für ihre Anstrengungen und die verbrauchten und verbleibenden Kraftreserven finden. Sie sollen darüber sprechen können, wenn sie nicht mehr können, anstatt sich zu verweigern und in Streit zu geraten. Hierfür brauchen sie Anleitung - durch Vorleben der Erziehungspersonen.


Wenn ein Kind fast alle Kraft bereits verbraucht hat, sind Schimpfen, Strenge, Disziplin nicht zielführend. Jetzt ist zunächst Zeit zu überlegen, was die Batterien des Kindes wieder auffüllt - kognitiv und emotional. (Spoiler: Handyspielen eher nicht.) Überlegen Sie, welches Verhalten Sie sich vom Partnermenschen wünschen, wenn er oder sie sich massiv überlastet hat: Weiterackern bis zum Umfallen? Schweigen im stillen Zimmer? Oder würden Sie doch zu Achtsamkeit, Sprechen und Selbstfürsorge raten? Fangen Sie bei ihrem Kind an, diesen Weg durch Ihr Vorbild zu bahnen.


Wenn Kinder überlasten, hat das einen Grund. Der Grund ist nicht: "Das Kind könnte ja, will aber nicht." (Dieser Satz macht wütend - legen Sie ihn an die Seite.) Das Gegenteil ist ist richtig: Kinder wollen dazugehören, sie wollen erfolgreich sein, gelobt werden, Leistung zeigen, auch mal glänzen. Wenn das trotz Mühen nicht gelingt, kommen sie in Not. Die Gründe, warum Kinder überlasten, sind vielfältig: Lernschwächen, Lese-Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie, Konzentrationsstörungen, Sehfehler, Schwerhörigkeit, Prüfungsängste, somatische Erkrankungen. Es lohnt sich, nach den Gründen kindlicher Überforderungen zu forschen.


Wie können wir Vorbild für unsere Kinder sein, wenn es um das Thema Überlastung und Überforderung geht? Vielleicht ja so: "Ich merke gerade, meine Batterien sind alle. Ich mache was Schönes für mich." (Still lesen, mir etwas überbacken, Kakao, Fernsehen) "Möchtest du mitmachen?" Wenn wir Erwachsene lernen, über unsere eigenen Bedürfnisse zu sprechen und diese gegen unsere Pflichten abzuwägen, lernen Kinder von uns Selbstfürsorge, Selbstmitgefühl und die Wertschätzung der eigenen Mühen. Diese Lektion mag viel wichtiger und wertvoller für Ihr Kind sein als die Erdkundehausaufgabe von heute.


Dieser Artikel ist in gekürzter Form erstmals im Juni 2020 auf Twitter erschienen. Foto (c) Jessica Lewis / unsplash.com

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