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  • Oliver Dierssen

Wie wir lernen, um Hilfe zu bitten

"Ich möchte es alleine schaffen", denken Eltern, die vielleicht Sorge haben, um Hilfe zu bitten. "Was für ein Vater, was für eine Mutter bin ich denn, wenn ich Hilfe brauche, um mein Kind gut großzukriegen?"


"Ich muss es alleine schaffen", denken Eltern vielleicht, wenn sie Sorge haben, beim Elternsprechtag offen von den Schwierigkeiten und Konflikten bei den Hausaufgaben zu berichten. "Was für Eltern sind das, die nicht mal die Hausaufgaben ordentlich begleiten können?" Ich muss es alleine schaffen", denken Eltern vielleicht, sich nicht trauen, offen von furchtbaren Eskalationen oder sogar Gewalt zu sprechen, die bei ihnen Zuhause viel zu oft passieren. "Ich muss es alleine schaffen", denken Eltern vielleicht, die unter dem Druck täglich fast zusammenbrechen, sich selbst kaum noch versorgen können. "Was andere denken, wenn sie wüssten, wie sehr ich leide, unter nichts als dem ganz normalen Alltag." „Ich muss es alleine schaffen", denken Eltern vielleicht, die den Anruf beim Beratungstelefon, den Gang zur Beratungsstelle fürchten. "Werden andere mir unterstellen, dass ich mein Kind nicht mehr versorgen kann?"


"Ich muss es alleine schaffen", denken Kinder, die unausgesprochen die Last und Sorgen erahnen, die auf ihren Müttern und Vätern so schwer lasten. "Ich muss es alleine schaffen. Alle schaffen es allein."


Wir schaffen es nicht alleine. Niemand hat je etwas allein geschafft. Ununterbrochen sind wir eingeflochten in ein Netz aus Bindung und Beziehung, das uns berührt und trägt, auch wenn wir es weder sehen noch hören. Niemand zieht sein Kind allein groß. Alle Erwachsenen blicken auf eine Landschaft aus Bindung zurück, die sie durchschritten haben. Vielleicht war sie karg. Aber da waren Menschen, immer waren es mehrere.


Da war die Mutter der besten Freundin, die im richtigen Moment die Hand auf meine Schulter gelegt hat. Da war der Fußballtrainer, der mich gelobt hat, als ich aufgeben wollte. Da war der Deutschlehrer, der mir durch die achte Klasse geholfen hat, als es sonst niemand tun wollte. Da war die ältere Nachbarin, die den Krach aus deiner Wohnung gehört hat und dir immer wieder aufmunternd zugenickt. Da war dein Onkel, der mit deinem Vater nach dem Fußball ein ernstes Wort gesprochen hat, weil er sich Sorgen um dich gemacht hat. Da waren unsere Freunde, die uns jedes Jahr ein bisschen mehr verstanden und getragen haben, so wie auch wir sie verstanden und getragen haben. Da waren Vorbilder, denen wir nacheifern und die wir bewundern konnten.


Niemand wandert allein. "Ich muss es alleine schaffen", ist nur ein Gedanke, der widerspiegelt: "Ich fühle mich allein. Ich zögere noch, auf die Hilfe zu schauen, die man mir anbietet. Ich bin nicht sicher, ob ich sie verdient habe." Jedes unserer Kinder ist eingebunden in dieses unsichtbare, aber doch oft stabile Netz aus Bindung und Beziehung. Ich darf daran zupfen. Ich darf erfahren, dass da andere sind, die es gemeinsam mit mir festhalten. Ich bin nicht allein, auch wenn ich mich so fühle. Darauf darf ich mich verlassen, erst vorsichtig, und dann mutiger, Schritt für Schritt.


Dieser Artikel ist im Oktober 2022 auf Mastodon erschienen.

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